Gedichte von
Übersetzt von Nora Iuga
Irina
Ich erinnere mich an ein Ziegelhaus,
an eine Allee, die in einen dunklen Hof mündete,
dort, wo im August das Gras bis zu den Knien wuchs. Dort
sehe ich wieder Irinas Körper zusammengestürzt unter
Disteln, Maikäfern, Gebüsch und Geröll – und die Welt
still und verlangsamt
wie der Rhythmus ihrer Brust in dieser
tiefen Verlassenheit, verzückt lächelnd.
Ich entsinne mich ihres schmalen Fussknöchels
(etwas rötlicher die Spur des Schuhriemens)
und der weissen Wade, fast singend unter dem Wind,
der plötzlich aufkam.
Zwei Jahre vergingen.
Es ist wieder Sommer, diese überwältigende Jahreszeit,
die mir jede Bewegung diktiert.
Ihr Körper ist inzwischen molliger, die
Haare trägt sie jetzt länger (hab ich gehört)
und meine Wut, ja, meine Wut hat nachgelassen,
geschluckt von so vielen Sachen und Wörtern.
Ich bin ein höflicher, einsamer Mann
der sich immer öfter
ein Haus vorstellt
und jene alte Allee,
die in einen dunklen kalten Hof mündet,
aus dem es keine Rückkehr gibt.
Abfälle, Träumereien
Entstellt wartest du in Kneipen, die Musik ist abgebrannt,
die Gebeine brechen aus den Wänden hervor
wie das Licht durch die von Alkohol und Schlaflosigkeit
verdünnten Lider.
Verstummte Abfälle und Träumereien
ihr dumpfes Geräusch wie das eines in Wut
zu Boden geworfenen Körpers
zu viele Stimmen überfluten die Strassen, eine dick ertönende
Paste, die nachts sich in rauhen Silben, Gespenstern und Aas ausbreitet.
„in deinem Mund ist noch Platz für ein Wunder“
Mein Zwilling, der Stolz der Familie
lächelt erstarrt in seinem kalten Schmerz.
Nur in der Einsamkeit
Nur in der Einsamkeit kann ich mich verherrlichen,
ich taste frech meinen Körper ab
wie einen Sack
mit feuchter Erde,
langsam, langsam tauche ich
unter die Haut,
ich drehe mich wie eine Schraube in die Muskeln,
bohre in mein Gewebe,
betrete dieses dicke Schmer
besessen von ihm wie ein Eskimo
von der Seehundjagd
und dies alles nur für die Beruhigung
meines bösen
von dem Tode verängstigten Fleisches,
dem nie etwas genügt
kein Essen kein Sex
Kein Schmerz.
(In meinem Mund züchte ich eine Natter)
In meinem Mund züchte ich eine Natter
die sich wild unter dem siedenden Druck
der Sprache entfesselt.
Wer den Kopf der Natter zu zerquetschen oder
abzuhauen versucht dessen Schicksal wird
den Falten des Fallbeils, die ich ausatme,
widerstehen müssen.
Mein Körper ist ein Kontinent der Todesstarre.
Zehr Uhr. Bin allein. Der Krieg kann beginnen.
Die Natter streckt ihr Maul nach mir und weint.
(welch ein düsterer Mittag Paul Eluard)
welch ein düsterer Mittag Paul Eluard
in dieser Hauptstadt des Schmerzes die
Du mir so billig verkauft hast
in einem dreckigen Korridor
heute Nacht versteckt vor den wachen Augen
der Literaturkritik in Verlegenheit
warst du ich konnte es verstehen
dieser Bursche schien in die Ecke geschickt worden zu sein
die Lehrerin beschlagnahmte ihm all seine Sinne
verurteilte ihn zum Tode wie groß er geworden war
wenn man bedenkt, dass er sich in all den Jahren
nur von Schatten ernährt hatte
ein Kamelleib an den Beinen aufgehängt
auf der Piaţa Romană mein astraler Doppelgänger
Madi erzählte mir immer von ihm
welch ein satter Mittag, welch eine Agonie
in deiner Mundhöhle oh, Gott
Schluss ich schreibe kein Wort mehr
doch nein doch nein
doch nein
oder
Post festum
Die Erinnerungen neblig
unklar in Bezug auf den geistigen
Festschmaus sind bestätigt worden.
Auf dem Boden kann man eine
klebrige trübe Pfütze
eine miese Kotze sehen.
Niemand wagte sie wegzuwischen
Dieses fließende Ding schleicht sich subversiv
unter der Tür durch und färbt alles
grün, was von der Welt noch geblieben ist.
Plötzlich befruchtet von dem geschichtslosen
Saft erwacht die neue Welt zum Leben.
Romanian Oddity
(Übersetzt von Jan Koneffke)
Ich habe den Ort gesehen wo die Menschen selbst im Schlaf arbeiten
dort habe ich mich in eine gelbe Frau verliebt
für die ich ein Kuriosum aus einer anderen Welt war:
ein vielsprachiger Zigeuner mit einer Stimme die kehlig klingt
durch die Dunkelheit einer Geisterstadt
bewohnt von 10 Millionen Robotern.
Als ich es aufgab Verstehen und Wärme zu fordern
erhob ich mich vom Boden wie in einer buddhistischen Legende
und mein Körper schwebte für eine Weile
durch eine Ewigkeit voller Neonlichter und optischer Kabel
plötzlich ging alles Flammen auf
und zerfiel zu Asche vor meinen Augen
flimmernd vor irrer Sehnsucht,
wie ein Streifen mit Mannequins die menschliche Bewegungen imitieren
aus der Stummfilmzeit.

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