Der Glauben
Aus dem Gedichtband "Credinta". Übersetzt von Eva Ruth Wemme
Tagebuch: 1986
2.
Angenommen die Welt ist so groß wie ein chinesischer Bleistift,
dann ist unser Land ungefähr wie der abgewetzte Radiergummi
an seinem Ende!
sagte jemand in verrosteten Worten
dann ist unser Haus das Ausgehöhlte
einer Wassermelone mit Kernen aus Staub,
ein Pfefferminzwispern
in den Achselhöhlen einer kleinen Straße
die uns zwischen diesem und dem nächsten Tor
immer hässlicher vorkam
und unser Haus ist dann
ein gekrümmtes Zeichen
für die Karren und Flüche,
die nur vorbeifahren, hügelaufwärts
zwischen den Ärmeln unserer kleinen Kleider hindurch
deren Ränder fleckig sind
vom Weinen
und alle knibbeln wir dann
schichtweise färbende Kräuter
in die Rundung der Erde unter dem Fingernagel
denn was für Erscheinungen sind wir geworden?
in welcher Art Puppen harren wir aus?
10.
Wir alle werden in jenem Saal ohne Anfang und Ende sein wie in einem lichternen Magen. Das Sich-Abfinden wird bei uns vergessen sein und wir werden kein Taschentuch haben unter dem wir uns verbergen können. Wir alle werden auf einer Fotografie sein, so groß wie alle Alben der Welt wird es sein. Und wir werden wissen, dass deren Bewohner uns eines Tages in aller Eile zerknüllen wird. Mit einem uns aufgedrückten Stempel werden wir zum Ende hin undeutlich werden. Und alle Farben werden dann leicht fortgewischt.
13.
Mutter ist ein verräuchertes Wandbord,
mit zerschlissenen Fingerkuppen und Erinnerungen,
mit vergilbten Seiten im Buchuntergang,
für uns beiseite gelegt,
für sie...
Mutter ist eine aus ihren zerborstenen Jahren
ausgebrochene Langsamkeit, wie Licht,
das in einem Keller Wellen schlägt,
für uns Unfolgsame
erinnert sie sich noch
an Spiele mit ausgerissenen Wimpern
und Lieder, die auf dem Dachboden
die Verstecke aus glitzernden Unterschlupfen zum Einstürzen bringen
Mutter ist ein größeres Vorkommnis
über dem Teig so vieler Häuser und kleiner Straßen
den ihre Hände geknetet haben,
über den Zäunen aus gezahnten Haarfäden
und Bächen, die ihr Flussbett
aus den Fersen weiter schlingen
über den Tränen die taub
unter dem Nudelholz zerplatzen
Mutter ist ein gewundener Schmerz
zwischen der Wette des hölzernen Tors
und unserem seltsamen Geflick:
das uns immerzu ringsum erscheinen lässt!
Mutter ist unser Gewimmer,
das am Tisch wartet,
und ihre Arme sind ab jetzt
schon längst betäubte Vorhänge,
und ihr Kleid ist ein bewölkter Horizont,
der rackert seit langem
an unseren Aufmüpfigkeiten
Mutter ist eine Mattigkeit die uns wie Münzen
noch immer hier- und dorthin trägt,
aus ihren
schütteren Knochen gerundet,
wie eine Reihe von eigensinnigen Zeichen
zwischen ihren Augenhöhlen
die immer ärmer werden
und immer weniger sehen
Mutter ist unsere verschattete Geschichte,
die füllt das Entfernen
für manche ab.
14.
Wir waren bei der Frau Bibliothekarin
und sie hat uns schon wieder gesagt
dass wir nachlässige Kinder sind.
Zwischen die Seiten streuen wir Erde
und fettig vergessen wir
die Anzeichen des Mittagessens
zwischen den Buchdeckeln.
und man kann sich überhaupt nicht auf uns verlassen...
auf illustrierten Feldern verlaufen wir uns verwirrt,
und die alten Poren des Papiers
strecken unseren Ratlosigkeiten
kahle Scheitel entgegen
und wir haben uns ganz ohne Scheu
mit dem ausgeliehenen Ding bekannt gemacht
und es dann gnadenlos
durch unsere Mittage gewedelt
denn wir wissen nicht was das ist, Achtsamkeit
und unsere wenigen Abstellsimse
sind aus den ausgerissenen Ecken
unserer Oberkörper
und sinnlos, dass wir uns zum Lesen drängeln,
denn in der Wildnis unseres Zimmers
reißen wir den guten Willen
um uns herum in Fetzen
und was bleibt uns dann noch?
ich war wieder bei der Bibliothekarin
die mir bloß sagt, wie ich
das letzte Buch bezahlen soll,
und die Schimpfe hat mich wie eine Schachtel
Bonbons beschmiert,
und ihre schimmeligen Bettlaken-Wörter
haben den Mittag an manchen Stellen zerprügelt
danach habe ich Sommeräpfel gepflückt
und über die Bücherdickichte
habe ich sie gelegt,
so habe ich für meinen Fehler bezahlt
das Seufzen hatte ich von jetzt an verloren
wie ein Schatten der die Eisenbahnschienen doppelt
wie ein Radiergummi der über
die Umrisse des Bahnhofs reibt,
und die Augen der Bibliothekarin
schnitten Türchen in die Wände
und das Buch stürzte
zwischen die Tabellen der Karteikarten,
und die neuen Seiten hatten keine Gewissensbisse,
denn ein neuer Titel rundete sich in den Täschchen des Tages,
eine neue ungeahnte Geschichte...

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